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SICK insight: Welche Historie liegt den Underwriters Laboratories zugrunde?
Mirko Bautz: Underwriters Laboratories, wörtlich übersetzt die Prüflabore der Versicherungsunternehmen, wurden 1894 gegründet. Hintergrund war die Forderung amerikanischer Feuerversicherungen, mit dem Aufkommen der Elektrizität hierdurch betriebene Geräte auf ihre Brandgefahren hin zu untersuchen. 1903 wurde die erste UL-Norm verabschiedet. 1954 hatte UL den ersten Kunden in Deutschland, bei dem Werksinspektionen durchgeführt wurden. UL Deutschland wurde Ende 1999 gegründet, beschäftigt z. Zt. etwa 85 Mitarbeiter in Neu-Isenburg und München und hat in 2002 etwa 1.500 Projekte abgewickelt. Insgesamt ist UL heute weltweit eine der führenden Organisationen für die Prüfung und Zertifizierung von Produktsicherheit. SICK insight: Was und wie wird auf die Einhaltung von Brandschutzvorschriften überprüft? Wer erteilt die Kennzeichnung?
Mirko Bautz: Geprüft wurden – und werden auch heute noch – elektrische Geräte im Hinblick auf elektrische und mechanische Gefahren sowie Gefahr von Feuer. Brandschutzprüfungen bei Sensoren beispielsweise hängen vom Gehäusematerial ab. Metall ist ungefährlich, wohingegen Kunststoffe sowohl als Basisprodukt als auch in Form des Fertigproduktes geprüft werden. Hier hat sich im übrigen die UL 94 als Standard in Europa etabliert. Wer sie bereits bei der Entwicklung berücksichtigt, kann sich u. U. viel nachträglichen Aufwand ersparen. A propos Entwicklung: erwähnen möchte ich noch, dass UL auf Wunsch vom ersten Konzept über den Prototyp bis hin zur Abnahme des Produktes mit Erteilung des UL- bzw. UЯ-Prüfzeichens Unterstützung anbietet. SICK insight: Was unterscheidet das UL-Prüfzeichen vom UЯ-Prüfzeichen?
Dirk R. F. Müller: UL – das „L“ steht für listed – kennzeichnet Geräte mit Einzelapprobation ohne Nutzungseinschränkungen für die jeweils allgemein üblichen Einsatzzwecke. Haushaltsgeräte oder Computerzubehör sind klassische Beispiel. UЯ – das spiegelverkehrte „R“ steht für recognized – bezeichnet Produkte oder Komponenten als geprüft, die später in von UL zertifizierten Endprodukten, Maschinen oder Anlagen verwendet werden. Beispiele hierfür sind Schalter oder Plastikeinfassungen. UЯ-Geräte besitzen jedoch immer Nutzungseinschränkungen, die aus den Zertifizierungsunterlagen hervorgehen. Schließlich gibt es noch eine Grauzone von Geräten, bei der im Einzelfall entschieden werden muss, ob ein UL- oder UЯ-Prüfzeichen zu vergeben ist. So ist z. B. Relais nicht gleich Relais: das Klemmrelais als fertiges Gerät für den Einsatz durch einen Endanwender erhält das UL-Prüfzeichen; das Printrelais, das nur als Komponente z. B. einer Steuerung eingesetzt werden kann, erhält das UЯ-Prüfzeichen. SICK insight: Wie wird sichergestellt, dass nicht nur der Prüfling, sondern alle späteren Seriengeräte UL bzw. UЯ entsprechen?
Dirk R. F. Müller: Dies wird durch Werksinspektionen gewährleistet. Diese finden vierteljährlich statt, werden nicht angekündigt und untersuchen, ob die im Zusammenhang mit der Zertifizierung festgelegten Randbedingungen eingehalten werden.
SICK insight: Ist UL gesetzlich erforderlich, wenn man in die USA exportieren will?
Mirko Bautz: Grundsätzlich ist zunächst einmal festzustellen, dass es in den USA kein Gesetz gibt, das eine UL-Zertifizierung zwingend vorschreibt.
Wer in die USA exportiert, muss den NEC – den National Electrical Code – in seiner jeweils aktuellen Fassung einhalten, der die Minimalanforderungen repräsentiert. Hier allerdings können die Probleme beginnen, denn zum einen ist zwischen den einzelnen Bundesstaaten ein Aktualitäts-Gefälle hinsichtlich der jeweils gültigen Fassung festzustellen. Hinzu kommen individuelle Ergänzungen (sog. Supplements) einzelner Bundesstaaten, die z. B. aus der geografischen Lage und den damit verbundenen klimatischen Anforderungen verbunden sind und infolgedessen die Anforderungen des NEC erhöhen können. Denken Sie z. B. an die starken jahreszeitlichen Temperatur-schwankungen im mittleren Westen oder an die Hurricane-Gefahr in Florida. Hier werden dann die Underwriters Laboratories interessant, die dem Importeur in die USA oder dem Hersteller in Europa durch die Zertifizierung behördliche Abnahmerisiken ersparen. Daher auch der Slogan: UL – the passport to America. Im übrigen gilt das auch für Kanada, denn UL ist dort ebenfalls akkreditiert und akzeptiert.
SICK insight: Was spricht noch für UL?
Dirk R. F. Müller: Es sind die praktischen Dinge des Lebens, die zudem für UL sprechen. Das beginnt mit dem Kunden in Deutschland und dem Anwender in den USA, für die das UL-Prüfzeichen gleichbedeutend mit einer vereinfachten Abnahme durch die Behörden ist. Der nächste Aspekt ist die Versicherungs- prämie. Wer UL draufstehen hat, zahlt wesentlich günstigere Prämien. Weiterhin ist UL auch ein Marketingargument, da durch die regelmäßigen Werksinspektionen ein unabhängiger Qualitätsnachweis erbracht wird. Schließlich vergibt UL nicht nur „eigene“ Prüfzeichen, sondern auch zahlreiche weitere, internationale Normzeichen. Das geht dann mit der UL-Prüfung zeitsparend Hand in Hand. SICK insight: Und welche besonderen Vorteile kommen hinzu, wenn der Kunde mit UL Deutschland statt der amerikanischen Muttergesellschaft zusammenarbeitet?
Dirk R. F. Müller: Auch hier zählt die tägliche Praxis. Ob der Zulassungs-Ingenieur, der das Produkt auf die UL-Normen hin prüft, oder der Reviewing-Ingenieur, der diese Prüfung nach dem Vier-Augen-Prinzip gegencheckt – sie alle sind bei UL Deutschland in der VDE-Welt und deren Philosophie zuhause. Sie wissen, wo sich eventuelle Fallstricke befinden, da sie die Normen ausgehend vom jeweiligen Grundgedanken richtig lesen können. Dann sprechen wir eine Sprache, und das zu annähernd gleicher Arbeitszeit, denn es gibt keine Zeitverschiebung zwischen Flensburg, Friedrichshafen und Neu-Isenburg. Schließlich ist auch die Ortsnähe trotz Internet und E-Mail durchaus ein Vorteil, denn manchmal hilft nur eines: sich treffen, alle Probleme auf den Tisch und dann sukzessive Lösungen erarbeiten. SICK insight: Ortsnähe ist zudem dann gut, wenn man solch interessante Interviews führen möchte wie heute. Daher vielen Dank für das Gespräch.
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