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Keine Angst vor dem Normen Duo
 
 

SICK insight:
Welche Aufgaben hat das Berufsgenossenschaftliche Institut für Arbeitsschutz im Allgemeinen und im Rahmen des Normenwesens im Besonderen?

Dr. Schaefer: Das BGIA mit seinen etwa 250 Mitarbeitern ist ein zentrales Forschungsinstitut der gewerblichen Berufsgenossenschaften. Zu unseren Aufgaben gehört die Arbeitsschutzforschung, die Beratung von Berufsgenossenschaften, Mitgliedsbetrieben und Verbänden sowie die Prüfung und Zertifizierung insbesondere von neuen Technologien, für die es noch keine Normen gibt. Hierbei entwickeln wir Grundsätze für die Anwendung anerkannter wissenschaftlicher Verfahren und ihren Transfer in die Praxis. Eng damit verbunden ist die Mitarbeit bei der Ausarbeitung von Normen, die einen konkreten Praxisbezug zu abstrakt formulierten Richtlinien herstellen. Ein Beispiel ist die neue EN ISO 13849-1 als Nachfolgenorm der bekannten EN 954.

SICK insight: Wieso ist bzw. war die bewährte EN 954 nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit und wird durch die EN ISO 13849-1 abgelöst?

M. Hauke: Trotz aller Aktualisierungen über die Jahre stieß die EN 954 immer mehr an technologische Grenzen. Obwohl auf programmierbare Systeme und komplexe Elektronik anwendbar, enthielt sie keine detaillierten Anforderungen. Zuverlässigkeitswerte einzelner Systemkomponenten und die Qualität der Testmaßnahmen konnten bei der Kategorisierung nicht ausreichend berücksichtigt werden. Schließlich wurde das Thema Komplexität nicht erfasst, denn das Ausfallrisiko von Systemen steigt in der Regel mit der Anzahl ihrer Komponenten. Insgesamt wurde die Betrachtung der Ausfallwahrscheinlichkeit, wie sie z.B. die elektrische Sicherheits- Grundnorm IEC 61508 fordert, nicht genügend in den Vordergrund gestellt. Mit der neuen EN ISO 13849-1 werden die bekannten Bewertungskriterien um zusätzliche Größen erweitert, z.B. die Zuverlässigkeit der Bauteile, die Qualität der Testung oder die Anfälligkeit für Mehrfachfehler. Fehler werden jetzt nicht mehr nur gezählt, sondern die Wahrscheinlichkeit für ihr Auftreten anhand von Kenngrößen berechnet. Dementsprechend finden sich die Kategorien der EN 954 jetzt mit erweiterten Inhalten in den Performance Levels der EN ISO 13849-1 wieder.

SICK insight:
Praktisch parallel zur EN ISO 13849-1 entstand die EN 62061. Doppelt gemoppelt? Oder wo liegen die Unterschiede?

Dr. Schaefer:
Richtig, beide Normen wurden weitgehend zeitgleich vorangetrieben – wir haben es aber mit zwei verschiedenen Normenwelten zu tun: der des Maschinebaus und der der Elektrotechnik. Während die EN ISO 13849-1 als durchgängige und praktikable Norm für sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen vor allem für den Maschinenbau konzipiert ist, stellt die EN 62061 als Sektornorm zur IEC 61508 einen Rahmen für die funktionale Sicherheit von sicherheitsbezogenen elektrischen Steuerungssystemen und deren Untersystemen an Maschinen bereit. Ihr Verdienst ist es, sowohl statistische Verfahren als auch die Elektronik selbst in der Sicherheitstechnik international hoffähig gemacht zu haben. Damit ist sie u.a. für die Entwicklungsabteilungen der Hersteller von Sicherheitstechnik interessant. „Erkauft“ wird elektroniklastige Ausrichtung jedoch u.a. durch die Nichtanwendbarkeit auf pneumatische, hydraulische oder mechanische Systeme, die komplexen Berechnungsverfahren und die umfangreiche Dokumentationspflicht von im Extremfall mehreren hundert Seiten.

SICK insight:
Woran sollen sich Maschinenhersteller und Anlagenbetreiber orientieren?

M. Hauke: Für Maschinenbauer geht unsere Empfehlung hin zur EN ISO 13849-1. Sie umfasst alle Technologien, ist insbesondere für kleinere und mittlere Unter nehmen nachvollziehbar und praktikabel und hat in vielen Fällen einen deutlichen Bezug zu einer anwendbaren C-Norm. Die Kategorisierung in B, 1, 2, 3 und 4 ist grundsätzlich bekannt und ihre Aufwertung hinsichtlich Zuverlässigkeit, Struktur, Robustheit und Diagnose von Sicherheitstechnik besser nachvollziehbar. Hierbei hilft auch das vom BGIA entwickelte Säulendiagramm. Große Unter nehmen und die meisten Hersteller von Sicherheitstechnik nutzen parallel die EN 62061, weil sich der erhöhte Aufwand u. U. in einer geringfügig besseren Bewertung niederschlägt. Dies lohnt sich bei hohen Stückzahlen oder wenn die Ziel applikation nicht genau bekannt ist. Im Ergebnis führen beide Wege sicher nach Rom.

SICK insight:
Wo und wie können sich Hersteller, Betreiber, Planer oder Inspektionspersonal informieren?

Dr. Schaefer:
Da gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Unternehmen wie SICK bieten fundierte Fachseminare rund um die neue Normenlage an. Ähnliche Angebote machen Verbände wie der VDMA, der ZVEI oder die Technischen Überwachungsvereine. Wir vom BGIA gehen bei Schulungen eher seltener direkt an den Endanwender, sondern verfolgen die Philosophie des „train the trainer“, d.h. wir fokussieren uns auf Multiplikatoren in Organisationen. Was wir jedoch jedem interessierten Hersteller und Betreiber anbieten, sind verschiedene Tools zu den angesprochenen Normen, z.B. unter „www.hvbg.de/bgia“ (Web- Code 1674855). Das Spektrum reicht von einer Drehscheibe zum Berechnen des Performance Level bis zu unserer im 2. Quartal 2007 verfügbaren Freeware SiSteMa, mit der der Anwender auf seinem PC die Sicherheit von Maschinensteuerung unter Anwendung der EN ISO 13849-1 bestimmen kann. Für den Herbst ist zudem ein neuer BGIA-Report geplant, der sich mit dem Thema der Normen für sichere Steuerungen befasst und etwa drei Dutzend Schaltungs- und Rechenbeispiele enthalten wird.

SICK insight: Eine Frage zum Schluss: Gibt es eine „gemeinsame Zukunft“ für beide Normen – wird es einmal DIE Norm für sichere Steuerungen geben?

Dr. Schaefer: Normen-Dualismus bedeutet Komplexität – und das wollen insbesondere die Anwender verständlicherweise nicht. Es sind daher Bestrebungen im Gang, die Inhalte der EN ISO 13849-1 und der EN 62061 in einem Normenwerk zusammenzuführen. Da dies aber nicht von heute auf morgen geht, sollten sich die Anwender anhand ihrer spezifischen Interessen für eine der beiden Alternativen entscheiden. Sicher ist, dass beide Normen zu vergleichbaren Sicherheitsniveaus führen – aber eben auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichem Aufwand.

SICK insight: Herr Dr. Schaefer, Herr Hauke, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Berufsgenossenschaftliche Institut für Arbeitsschutz – BGIA – ist ein Forschungs- und Prüfinstitut der gewerblichen Berufsgenossenschaften (BG) mit Sitz in Sankt Augustin bei Bonn mit 250 Mitarbeitern.

Das BGIA unterstützt die gewerblichen Berufsgenossenschaften und deren Institutionen schwerpunktmäßig bei naturwissenschaftlich-technischen Fragestellungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Das BGIA steht in engem Kontakt mit ausländischen Arbeitsschutzinstituten. Mit einer Gruppe von zurzeit 23 Forschungsinstituten auf dem Gebiet des Arbeits- und Gesundheitsschutzes aus 20 Ländern findet ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch zur Darstellung aktueller Entwicklungen und die Erörterung konkreter Kooperationsmöglichkeiten statt.