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„Arbeitssicherheit braucht Technik, Wissen und die richtige Einstellung“
 
 
SICK insight: Welche Aufgaben nimmt die BGFE wahr?

Dr. Jansen: Berufsgenossenschaften gibt es seit 1885, als die Bismarck‘schen Sozialgesetze verabschiedet wurden. Seitdem sind BGs Teil des sozialen Netzes, allerdings mit ein paar Besonderheiten, die auch heute noch gültig sind. So werden Unternehmen, die der Feinmechanik und Elektronik zuzuordnen sind, automatisch mit ihrer Gründung Mitglied in der BGFE. Sie zahlen auch 100 % der Beiträge und nicht wie z. B. bei der Renten- oder Arbeitslosenversicherung 50 %. Mit diesem Geld bestreitet die BGFE ihre Aufgaben: die Zahlung von Entschädigungsleistungen bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten, die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation, die Unfallverhütung in Betrieben in Form von Besichtigungen durch technische Aufsichtspersonen, die sicherheitstechnische Beratung für in Betrieb befindliche Anlagen, aber auch bei der Neuproduktentwicklung, sowie die Durchführung umfangreicher Maßnahmen zur Prävention. Die BGFE ist heute für knapp 100.000 Mitgliedsbetriebe mit etwa 2,2 Millionen Versicherten zuständig.


SICK insight: Schulung ist ein wesentlicher Teil Ihres Präventionsauftrages. An welche Personenkreise richtet sich Ihr Seminarangebot?

Dr. Jansen: Zur Beantwortung ist ein kurzer historischer Exkurs hilfreich. Die ersten Präventionsgedanken kamen bereits in den 20er Jahren auf. Entscheidende Schubkraft erhielten sie jedoch zum Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, als mit dem starken Wirtschaftwachstum leider auch eine starke Zunahme von Arbeitsunfällen zu verzeichnen war. Zum anderen zog 1974 das Arbeitssicherheitsgesetz einen enormen Ausbildungsbedarf nach sich. Bei der BGFE erkannte man früh, dass Sicherheit mehr als Technik ist. Nicht allein Sensoren oder Zäune machen Maschinen sicher, sondern erst eine gelebte Sicherheitsüberzeugung in Form von Verhalten, Einstellung, Organisation und Führungsverhalten. Deswegen wurde 1962 hier, am Berghof in Bad Münstereifel das Haus für Arbeitssicherheit bewusst als Schulungszentrum gegründet – damals das Erste seiner Art in Deutschland. Ausdrückliches Ziel war nicht nur die Vermittlung von Technik, sondern in verstärktem Maße die Verbreitung sicherheitsgerechten Verhaltens und sicherer Organisation. Diese Ideen bringt man am besten in die Betriebe, indem man dort Multiplikatoren auf verschiedenen Ebenen zu Sicherheitsspezialisten weiterbildet, die auch bereit sind, sich dieser Materie zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Und genau an diese Leute richtet sich das Seminarangebot: Personen auf unterschiedlichen Ebenen mit unterschiedlichen Funktionen, die in der Lage sind, Sicherheit in den Betrieb zu tragen.
SICK insight: Bei etwa 100.000 Mitgliedsunternehmen müssten Sie dann ja einiges zu tun haben …
Dr. Jansen: Das auf jeden Fall. Alle BGFE-Bildungszentren – also der Berghof sowie die weiteren Tagungsstätten bzw. Akademien in Linowsee, Dresden und Oberaichen bei Stuttgart – veranstalten pro Jahr etwa 1.000 Seminare, Workshops und dergleichen, die von ca. 16.000 Teilnehmern besucht werden. Letztes Jahr konnten wir am Berghof den 250.000sten Teilnehmer begrüßen. Festzustellen bleibt allerdings, dass hauptsächlich größere Unternehmen ihre Mitarbeiter zur BGFE schicken, während die Teilnehmer aus den 85.000 Klein- und Mittelbetrieben deutlich unterrepräsentiert sind. Das mag mit der Arbeitsauslastung eventuell in Frage kommender Personen zusammenhängen, aber mit Sicherheit nicht mit den Kosten: die Seminare einschließlich Unterbringung und Verpflegung sind kostenlos, d. h. durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten. Darüber hinaus werden von der BGFE Reisekosten erstattet.
SICK insight: Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit der Industrie für die BGFE?

Dr. Jansen: Die Zusammenarbeit mit der Industrie stellt nicht nur einen starken Praxisbezug unserer Lehrinhalte sicher, sie ist für die BGFE auch deshalb wichtig, weil unsere Fachkräfte durch die frühzeitige Einbeziehung bei Produktneuentwicklungen auch technologisch auf dem neuesten Stand bleiben. Dies ist besonders wichtig, weil die Sicherheitstechnik immer softwarelastiger geworden ist. Die Elektronik übernimmt zunehmend mehr Sicherheitsfunktionen, deren Überprüfung und Beurteilung entsprechendes Fachwissen braucht. Ob eine Schutztür offen ist oder nicht, kann man mit einem Blick erkennen – ob eine Software im Fall X die erforderliche Maßnahme Y aktiviert, bedarf schon intensiverer Prüfung. Und wenn dann noch sicherheitsrelevante, komplexe Kommunikationsstrukturen in Maschinen und Anlagen hinzukommen, hilft nur Fachwissen weiter.

SICK insight: Welchen Stellenwert haben die neuen Medien für die Arbeit der BGFE?

Dr. Jansen: Wenn ich auf meine mehr als 20 Jahre bei der BGFE zurückblicke stelle ich fest, dass wir uns von einer Behörde zu einem modernen Dienstleister weiterentwickelt haben – nicht zuletzt auch durch die neuen Medien, die wir aktiv einsetzen. Das geht schon mit der intensiven Nutzung unserer Seminardatenbank im Internet los. Weit mehr als die Hälfte der Teilnehmer meldet sich online an. Informationsmaterial nahezu jedweder Art kann per Mausklick heruntergeladen werden. Ein abonnierbarer Newsletter ist in der Mache und kommt hoffentlich bald. Auf unserer Homepage greifen wir 12x im Jahr das „Thema des Monats“ auf und schaffen so ein hohes Maß an Aktualität. Auch in den Seminaren selbst haben die neuen Medien natürlich Einzug gehalten. Neueste Rechner- und Präsentationstechnik sorgen dafür, dass das Wissen unserer Dozenten auch rüberkommt.

SICK insight: Eine abschließende Frage noch: Ist der genossenschaftliche Ansatz der BGFE noch zeitgemäß und zukunftsfähig?

Dr. Jansen: Wenn wir uns in der wirtschaftlichen Landschaft umsehen erkennen wir, das bei weitem nicht jede Veränderung auch eine Verbesserung ist. Das würde meines Erachtens auch auf die immer mal wieder in das Gespräch gebrachte privatwirtschaftliche Umgestaltung der Berufsgenossenschaften zutreffen. Das Solidarprinzip würde durch eine Art Effizienzprinzip ersetzt werden. Ich habe nichts gegen Effizienz, ganz im Gegenteil. Aber Sicherheit darf sich nicht nur auf Kosten reduzieren, d. h. Seminare müssen auch dann angeboten werden, wenn sie sich auf dem ersten Blick kaufmännisch zunächst nicht rechnen. Oder was geschieht mit kleinen oder aus wirtschaftlichen Gründen in der Branche notleidenden BGs, z. B. im Bau oder Bergbau? Wie regelt sich da der bislang praktizierte Solidarausgleich? Für mich sind die bisherigen Gedanken nicht ausgegoren, denn sie stellen letztlich eines nicht sicher: die Sicherheit unserer Versicherten am Arbeitsplatz, da sich sichere Maschinen eben nicht alleine durch Technik realisieren lassen, sondern es auch weiterhin die Vermittlung von Sicherheitskompetenz in vielfältiger Art bedarf.

SICK insight: Herr Dr. Jansen, zumindest eines ist sicher: die idyllische Lage Ihres Schulungszentrums „Berghof“. Vielen Dank für das Gespräch.

www.bgfe.de
Der Jahresbericht 2003 liegt vor. Darin enthalten sind alle wesentlichen Informationen zur Arbeit der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik. Der Bericht dokumentiert die aktuellen Unfall-, Unternehmens- und Versichertenzahlen. Er zeigt die Beitragsentwicklung und informiert über Entschädigung, Prävention, Heilverfahren und Berufshilfe. Der Jahresbericht wird in gedruckter Form automatisch an Betriebe ab 21 Versicherte versandt.
Im Internet können die Jahresberichte unter dem Stichwort „Statistik“ als pdf-Version heruntergeladen werden.
 
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